Das Anlageverhalten der Deutschen ist „traditionell deutsch“. Sie legen ihre Ersparnisse nach wie vor vorwiegend in Barvermögen an (siehe Abbildung; Quelle: BlackRock). Zinslose Anlagen sind das inzwischen in ganz Europa. Manche hoffen sogar, dass die Zinsen in naher Zukunft wieder steigen. Dies halten wir für eine Fehleinschätzung!

Im Gegenteil, die Zinsen wurden von der Europäischen Zentralbank erneut gesenkt: auf Null. Zudem werden Banken durch einen negativen Einlagenzins daran gehindert, ihr Geld bei der EZB zu parken. Es soll in die Wirtschaft fließen. Professor Sinn, scheidender Präsident des renommierten Ifo-Instituts, äußert sich zu der jüngsten Zentralbankpolitik wie folgt:

„Dass die EZB nun beschlossen hat, den konkursgefährdeten Banken Südeuropas Langfristkredite zu einem negativen Zins von bis zu 0,4 % zu geben, beweist einmal mehr, dass sie eine fiskalische Umverteilungspolitik zur Rettung von Zombi-Banken und fast konkursreifen Staaten betreibt.“

Die kritische Kommentierung der EZB-Politik ist in Deutschland wenig opportun. Der holländische „De Telegraaf“ schreibt hierzu:

„Wer profitiert? Die südlichen EU-Mitgliedsstaaten, die mit ihren enormen Staatsschulden zu kämpfen haben, aber dank der kräftig gesunkenen Zinsen kaum noch einen Ansporn haben, den Gürtel enger zu schnallen (Reformen!). Die Situation ist nicht haltbar. Die Euro-Zone ist nicht als ein System zur heimlichen Umverteilung von Wohlstand gedacht.“

Die Finanzwoche von Dr. Jens Erhardt resümiert treffend:

„Holland gehört nach Deutschland (größter Zahler) und Großbritannien (zweitgrößter Zahler) zu den Haupt-Nettozahlern, während die Anzahl der neuen (Zahlungsempfänger)-Länder wächst. Bezeichnenderweise wurde die Draghi-Entscheidung genau jetzt getroffen, während die Deutsche Bundesbank nach dem Rotationsprinzip noch nicht einmal mit abstimmen durfte (Deutschland hat ohnehin nur ein Stimmrecht wie Malta und Zypern). Wenn „Super-Mario“ gerade für die finanzmäßig führenden Angloamerikaner so lautstark wirbt, dass er (bzw. die EZB) unbegrenzte Mittel in die Hand nehmen wird („whatever it takes“), dann sollte man sich vergegenwärtigen, dass der mit Abstand größte Anteilseigner der EZB Deutschland ist. Und ganz gleich, wer von Griechenland bis Italien gerettet werden soll, muss Deutschland (diesmal nicht einmal mehr stimmberechtigt) am meisten dafür (dreistellige Milliarden-Euro-Beträge) auf den Tisch legen. Man fragt sich, ob Deutschland sich dies für immer gefallen lassen wird?“

Fazit: Wer glaubt, dass die EU und der Euro in dieser konkreten Form für Jahrzehnte weiterexistiert, der wird wohl eines besseren belehrt werden. Die Bürger trauen in vielen Fragen diesen Institutionen keine Problemlösungskompetenz mehr zu. Zudem tritt ein Demokratie-Defizit immer deutlicher zu Tage. Flankiert durch einen immer absurder werdenden „Bevormundungs-Journalismus“ des zwangsfinanzierten Staatsfernsehens macht sich eine gewisse Frustration beim europäischen Wahlvolk breit. Radikale Parteien sind in fast allen Ländern auf dem Vormarsch – auch ihre Ideen überzeugen nicht – aber das werden die Bürger zu spät merken. Es stehen die Abstimmungen über den „Brexit“ und die Bundesverfassungsgerichtsentscheidung zum OMT-Programm an. Die planlose Flüchtlingspolitik hat Deutschland erpressbar gemacht. Griechenland laviert wieder mit den Gläubigern herum – das werden interessante Monate. Europa muss sich massiv verändern, damit die einstige Idee von Europa wieder eine Chance erhält.